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"Vier Flieger im Feuerflug"
Ein Bericht vom Kriegsberichterstatter Rudolf Wagner, Luftwaffen-Kriegsberichterkompanie (mot.)3. ( 3.Kr.Ber.Zug)
Der folgende Bericht beschreibt den Feindflug einer Dornier Do17 am 20.08.1940 während der "Battle of Britain". Es handelt sich bei diesem Flug um den Luftangriff auf einen Flugplatz nördlich von London, der 1., 2. und 3. Staffel des Kampfgeschwader 1./KG2, mit 27 Flugzeugen. Der Start erfolgte um 16.45 Uhr vom Flugplatz Epinoy, nördlich Cambrai / Frankreich. Der erwähnte Fallschirmabsprung erfolgte nördlich "Mark" bei Calais, an der französischen Küste um 18.21 Uhr. Dieser Bericht liegt www.spurensuchesh.de als Original vor, der mit Schreibmaschine vom Kriegsberichter Rudolf Wagner am 23.08.1940 verfasst wurde.
Flugzeugführer: |
Oberfeldwebel Heinz Gerlach |
Beobachter: |
Oberleutnant Carl Conrad |
Bordfunker: |
Feldwebel Günter Krakow |
Bordmechaniker: |
Unteroffizier Alex Holler |
"Bei einem der letzten Angriffe unserer Kampfflieger auf England wurde eine Do 17 von feindlichen Jägern stark zerschossen. Trotzdem gelang es der tapferen Besatzung, den Kanal zu überfliegen und die französische Küste zu erreichen, wo sie im letzten Augenblick ausstiegen und glücklich mit ihren Fallschirmen landeten. Ein hervorragendes Beispiel deutschen Fliegergeistes - ein glänzender Beweis für die feste Konstruktion unserer Kampfmaschinen.
2000 Meter über den Wolken, die das Steinmeer London den deutschen Kampffliegern verbergen. Der Verband hat schon die große Kurve in Richtung des Heimathafens genommen. Aus dem Zwielicht des Abends stürzen plötzlich englische Jäger aus einem Wolkenklumpen, der gefährlich über der Staffel der Do 17-Maschinen hing, auf die letzte Kette. Grelles Licht zuckt von beiden Seiten. In dem Augenblick, da deutsche Jagdflugzeuge den verwegenen Angreifer in das Visier ihrer Kanonen und Maschinengewehre nehmen, durchzuckt die "Berta" ein furchtbar harter, prasselnder Schlag.
Totenstille herrscht an Bord der deutschen Kampfmaschine. Hinten im Sitz hängt der Funker mit blutüberströmten Gesicht. Auch der Bordmechaniker mit zerschossenem Arm lehnt sich langsam gegen den zusammengeballten Flosssack. Nur der Flugzeugführer hat instinktiv den gewaltigen Ruck mit seinem Steuerknüppel aufgefangen und dann einen schnellen Blick rückwärts in den Gefechtsstand geworfen. Das alles sieht der Oberleutnant und Kommandant, ebenso jäh von dem Geschehnis überfallen, wie seine Kameraden.
Glimmende, weisglühende Teile schwirren in der Maschine. Mit einem Schlag wittert jeder einzelne die Gefahr des verderblichen Flimmers. Es reisst sogar den Bordfunker aus dem Schwarzdunkel der Ohnmacht. Blitzschnell greift er hinter sich zu dem roten Griff und schon fegt der heulende Sog die Haube hinweg und mit ihr das gleissende Sprühen um die vier Flieger. Kein Wort befiehlt, kein Kommando treibt. Wortlos setzen sie, gemeinsam unter einem stillen Befehl stehend, an zum Kampf auf Leben und Tod.
Der Oberfeldwebel am Steuerknüppel spürt mit jedem Nerv, dass seiner zerschossenen Maschine noch nicht die letzte Kraft genommen ist. Sekundenschnell huscht die Erinnerung an den glücklich überstandenen Sturz nach einem Tiefangriff in Polen an ihm vorüber. Mit ihm fühlen unbewußt die drei Kameraden, dass der Kampf nicht aussichtslos ist. Sie Ketten nun ihr Schicksal an das des Kampfflugzeuges.
Nach dem ersten wilden Tanz der Instrumentennadel weiss der Oberfeldwebel; den rechten Motor hat es bös erwischt. Er drosselt ihn und versucht zu trimmen. Doch die Dämpfungsflosse ist nur mehr ein Sieb. Sie klemmt ! Mit aller Kraft stemmt sich der linke Fuss des Flugzeugführers in das Steuer. Eisern halten die Fäuste den Knüppel. Er empfindet nicht das Zittern der Arme bei dieser Kraftanstrengung, die seine Maschine zum Flug zwingt.
Sekunden erst vergangen, aber Sekunden der Ewigkeit. Sie genügten auch die anderen zurückzurufen. Der Oberleutnant hat das Verbandspaket herausgerissen, bindet dem Funker den blutenden Arm ab und stellt fest, dass auch der Bordmechaniker nur leicht verwundet ist. Mit ruhigen sicheren Griffen hilft er beiden.
Noch liegt die Maschine ungefähr im Kurs des Verbandes, der in 5000 Meter Höhe dahinzieht. Doch da sieht der Flugzeugführer plötzlich eine winzige Flamme zwischen Rumpf und Motor herauszüngeln. Mit einem Griff stellt er den gedrosselten Motor ganz ab und schliesst den Brandhahn. Auch die Kameraden haben die kleine gefahrdrohende Flamme beobachtet, aber sie wissen, solange der Oberfeldwebel am Steuer sitzt, fliegt die "Berta". Zwischen den vier Männern steht das stillschweigende Versprechen: Nur im äussersten Notfall wird über England ausgestiegen. Wir fliegen heim !
Der Oberfeldwebel hat auf Befehl des Kommandanten die Maschine kopflastig gedrückt und jagt mit rasender Fahrt aus 5000 Meter Höhe abwärts. Die Flamme am Motor ist zu einem kleinen Brandherd geworden und droht in den Gefechtsstand einzudringen. Der Bordmechaniker ruckt das Handbeil aus der Haltevorrichtung, und während der Oberleutnant den Feuerlöscher auf die bleckenden Flammen lenkt, fetzt er die brennenden Teile auseinander.
Nun stösst die "Berta" mit einem heulenden Motor, der das Letzte hergeben muss, durch die in 3000 Meter Höhe liegende Wolkendecke. Bevor sie in die weisse Wand eintaucht, schaut der Flugzeugführer schnell noch nach der Flugrichtung des Verbandes und orientiert sich so über den Kurs. Dann sind sie allein. Vier deutsche Flieger in einer todwunden Maschine.
Zu rasend wird jetzt der Flug. Eine vorsichtige schwanzlastige Trimmung misslingt. Der englische Jäger hat mit seiner Garbe Glück gehabt. Die Umdrehungen des linken Motors bringen diesen fast zum Bersten. Er leistet schier Unmögliches. Der Blick des Flugzeugführers weicht nicht von dem künstlichen Horizont und dem Wendezeiger, die ihm die flugfähige Lage der Maschine anzeigen.
Endlich nach Minuten erbitterten Ringens erscheint die französische Küste. Der Kanal ist bezwungen. Schon hat der Oberleutnant die Einstiegsklappe abgeworfen und hält zusammen mit dem Bordmechaniker das Schlauchnboot in den Fäusten. Die Kabel der FT-Hauben und die Atemgeräte sind schon längst von den Kombinationen gerissen. Breitbeinig stehen die Flieger über dem offenen Einstieg, durch den der Zugwind bläst und zusammen mit dem Motor einen durchdringenden Heulton um die Männer weht.
Dann rast der gelbe Streifen des Strandes auf sie zu. Der Motor ist am Ende. In das Sausen hinein brüllt der Flugzeugführer: Raus ! Das Schlauchboot flattert durch den Einstieg. Eine... , zwei... , drei... Gestalten lösen sich von dem fallenden Flugzeug. Fallschirme blähen sich. Als ich die "Berta" gerade über die Fläche neigt und trudelt, springt auch der Oberfeldwebel ab. Mit einem Ruck reisst der sich öffnenede Fallschirm ihn hoch. Über ihm pendeln die drei Kameraden und nur wenige hundert Meter seitlich jault die Maschine mit trudelnden Bewegungen zur Erde. Knapp am Strande setzen die vier Flieger auf. Von allen seiten springen helfende Kameraden herbei...
"Kriegsberichter Rudolf Wagner"
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