Auswertung von Fundmaterial
Die Auswertung, des an den Absturzorten geborgenen Fundmaterials, stellt eine besondere Herausforderung dar um den jeweiligen Flugzeugtyp identifizieren zu können. Neben einer fundierten Sach- und Fachkenntnis, die für das Zuorden von Flugzeugteilen benötigt wird, sind entsprechende technische Unterlagen, wie z.B. Ersatzteillisten und Vergleichsmaterial, von großer Bedeutung. Je nach Absturzhergang, Flugzeugtyp und Bodenverhältnissen variiert die ungefähre Anzahl an Trümmerteilen, die an einem Absturzort innerhalb der oberen Erdschicht geborgen werden, zwischen einigen Dutzend und mehreren Hundert Fundstücken. In der Regel sind von diesen Trümmerteilen nur etwa 5% für eine Auswertung und Bestimmung, sowie für eine Katalogisierung und Archivierung, zu verwenden.
Für eine Katalogisierung und Archivierung von Fundmaterial ist es notwendig entsprechende Flugzeug- und Baugruppenteile korrekt identifizieren und dem jeweiligen Flugzeugtyp zuordnen zu können. Sofern es das Fundmaterial zuläßt, durch Auswertung von Ersatzteilnummern oder durch Bauart bedingte typische Merkmale, ist auch die ursprüngliche Funktion und die Sektion des Flugzeuges zu bestimmen, in der das Flugzeug- oder Baugruppenteil Verwendung fand.

(Foto rechts von Alan Hulme)
Das wenige Zentimeter große Lampengehäuse (Indicator Lamp) besteht aus Messing und zeigt eine sehr schwache Chrom-Nickel-Legierung. Obwohl nahezu jedes noch so kleine Flugzeugteil der Royal Air Force eine Ersatzteilnummer und einen Prüf- und Abnahmestempel des Herstellers aufweist, sind diese Angaben auf Baugruppenteilen meist nicht vorhanden. Für eine Identifizierung und Zuordnung dieser Fundstücke muss, sofern diese nicht bereits durch vorheriges, gleiches Fundmaterial bekannt ist, auf Handbücher zurückgegriffen werden, in denen diese beschrieben und dokumentiert sind.
Das hier gezeigte Lampengehäuse stammt von einem abgestürzten englischen Bomber des Typs "Vickers Wellington". Im Handbuch der elektrischen Baugruppen der Bewaffnung, ist dieses Lampengehäuse dem "Automatic Bomb Distributor Type VI" zugeordnet, der vom Bombenschützen bedient wurde und manuell das automatische Ausklingen der Bombenlast einstellen konnte. Das auf dem Lampengehäuse befindliche herzförmige und mit zwei Löchern versehene Blech ermöglichte das Auswählen zwischen einer Tag- oder einer Nachtbeleuchtung. Vor dem Auslösen der Bombenlast und vorausgegangener Einstellung, leuchtete die Lampe auf, sobald die Automatik in Funktion trat, erlöschte die Lampe. Sobald ein Kontakt zum Auslösen geschlossen wurde, leuchtete die Lampe wieder auf.
Das geborgene Fundmaterial befindet sich nach über 60 Jahren, je nach PH-Gehalt des entsprechenden Fundplatzes, der Qualität und Art des Werkstoffes, in einem unterschiedlichen Zustand. Während einige Werkstoffe wie z.B. Messing, Edelstahl und Kunststoff / PVC und Bakelit, ihre lange Lagerzeit relativ gut überstanden haben, zeigt "minderwertiges" Aluminium meist sehr starke Zersetzungs,- bzw. Korrisionsprozesse. Einen besonders starken Korrisionsprozess zeigen Fundstücke aus Elektron, einer besonderen Aluminiumlegierung. Elektron wurde meist bei Baugruppenteilen als Gussteile verwendet (z.B. Kurbel- und Pumpengehäuse der Motoren, Rumpfkonstruktion). Aluminium das für die Aussenhaut des Flugzeug verwendet wurde, bestand nicht selten aus Duralumin, eine hochwertige und witterungsbeständige Aluminiumlegierung. Fundstücke dieser Art weisen zwar häufig einen mehr oder weniger geringen Verwitterungsprozess auf, sind aber, nach entsprechender Reinigung, für eine Auswertung verwendbar.
Das Bruchstück vom Zylinderkopf eines 9-Zylinder luftgekühlten Sternmotor vom Typ "Wright 1820-97" zeigte nach der Bergung einen mittleren bis starken Oxydationszustand. Das Beispiel links zeigt oben den kaum erkennbaren Kipphebelbock, die Ventilfedern und den Ventilschaft, nachdem der Ventildeckel entfernt wurde.
Die Kombination der hier verwendeten unterschiedlichen Materialien (Stahl bei den Ventilfedern und Kipphebel, Kupfer bei den Ventilkegeln, Edelstahl bei der Kipphebelrolle, sowie Aluminium beim Zylinderkopf) verursachte hier offenbar eine chemische Reaktion mit dem noch geringfügig vorhandenen Lagerfett und Ölrückständen.
Nach der Zerlegung des Zylinderkopfes und der mechanischen Teile zeigt das verwendete Material seine hohe Qualität. Das Ventil konnte komplett zerlegt und gereinigt werden und wäre theoretisch, zusammen mit dem Kipphebelbock und Ventilfedern, noch als Ersatzteile zu verwenden.

Auf den ungereinigten Fundstücken lassen sich bereits vorhandene Ersatzteilnummern und Prüfstempel erkennen. Oftmals sind die eingestanzten Nummern nur schwach oder gar nicht zu erkennen, so dass die Fundstücke mittels mechanischer Reinigung nach diesen Nummern abgesucht werden müssen. Die Lage an denen die Nummern und Stempel zu finden sind meist einheitlich, allerdings bedarf es einer langen Erfahrung um diese an den richtigen Bereichen zu finden.
Die Ersatzteilnummer des hier gezeigten ovalen Aluminiumbleches
läßt sich nach einer mechanischen Reinigung sehr gut ablesen. Aufgrund der vorhandenen Ersatzteilnummer konnte dieses Fundstück der Tragflächenkonstruktion einer englischen "Vickers Wellington IV" zugeordnet werden.

Die ersten drei Ziffern weisen auf den Flugzeugtyp (hier Vickers Wellington) hin, die vierte und fünfte Ziffern auf die Sektion (hier die Tragflächenkonstruktion) und die sechste bis neunte Ziffern auf das Ersatzteil.
Während eine Zuordnung, bzw. Bestimmung eines Fundstückes mit vorhandener Ersatzteilnummer relativ einfach ist, bringen Baugruppenteile, Teile von Instrumenten, Armaturen und Geräten, auf denen in der Regel keine Ersatzteilnummern vorhanden sind, eine meist zeitaufwendige Recherche mit sich. Eine Zuordnung kann besonders schwierig werden, wenn es sich dabei nur Bruchstücke oder kleine Fragmente handelt.
Am Beispiel der links abgebildeten Messingscheibe sind deutlich eine im Kreis aufgeführte Skala, sowie Angaben von "SECONDS" (Sekunden), "KNOTS" (Knoten) und "MPH" (Meilen pro Stunde) zu erkennen. Diese Angaben sind hilfreich um dieses Baugruppenteil dem entsprechenden Instrument zuzuordnen, an dem es seine ursprüngliche Verwendung fand.

Die Identifizierung der Messingscheibe wurde durch die hilfreiche Unterstützung amerikanischer Kontakte ermöglicht. Das Bild zeigt die Abbildung eines "Driftmeters", mit der grafisch eingefügten Messingscheibe an ihrer ursprünglichen Position.
Ein Driftmeter ist im Prinzip ein kleines Teleskop das dem Navigator ermöglicht die durch Seitenwinde verursachte Drift des Flugzeuges zu messen. Das Gerät ermöglicht auch die Bestimmung von Windrichtung und Windgeschwindigkeit.

Das Identifizieren von persönlichen Gegenständen, oder von persönlichen Ausrüstungsgegenständen, wie z.B. die Überreste einer Armbanduhr, erfordert eine ganz besondere Aufmerksamkeit, denn hierbei handelt es sich um Gegenstände, die unter Umständen einem Besatzungsmitglied zugeordnet und den Familienangehörigen übergeben werden kann.
Das Auffinden von zivilen, nicht militärischen Fundstücken an einem Absturzort, deren Herkunft, bzw. Zusammenhang zum vorliegenden Absturz nicht offensichtlich ist, erfordert ebenfalls eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Fundstücke von der jeweiligen Besatzung stammen, ist relativ groß. Allerdings ist auch in Erwägung zu ziehen das es sich hierbei um neuzeitliche Funde handelt die in keinem Zusammenhang zum Absturz stehen. Die auf dem Bild rechts abgebildete Uhr stammt von einem Absturzort einer amerikanischen Maschine, die mit ihrer Besatzung östlich von Kiel abgestürzt ist. Durch Unterstützung amerikanischer Kontakte konnte diese Uhr als eine amerikanische "Bulova" identifiziert und somit der Besatzung zugeordnet werden.
Persönliche militärische Ausrüstungsgegenstände, wie z.B. Abzeichen, Armbanduhren oder Uniformteile, sind eindeutig als solche zu bestimmen. In diesem Fall stammen die links abgebildeten Gegenstände von einem englischen Besatzungsmitglied, von dem an der Fundstelle auch zahlreiche menschliche Überreste geborgen werden konnten. Nach Übergabe der Gebeine und der Fundstücke an den zuständigen Sachbearbeiter und Dezernatleiters (Archäologie des 20.Jahrhunderts) des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH), wurden diese der britischen Botschaft in Berlin übergeben.
Fundstücke dieser Art, die das Schicksal eines Menschens bezeugen der unter Umständen noch als Vermisst gilt, oder dessen Todeort bisher nicht bekannt ist, verdeutlicht die anspruchsvolle Aufgabe und Arbeit der Luftfahrtarchäologie. Die Auswertung und Lokalisierung eines Absturzortes, dass Kartieren und Bergen von Trümmerteilen, sowie die anschliessende grafische Darstellung des Absturzherganges, dienen hauptsächlich der Aufklärung von Schicksalen deutscher und alliierter Flugzeugbesatzungen. Diese Tätigkeit sollte nur von Personen durchgeführt werden, die über die hierfür notwendigen Fachkenntnisse und Erfahrungen verfügen. Besonders in den zuständigen Behörden, die eine Sondierung und Bergung von Flugzeugteilen genehmigen müssen und aus staatlicher Sicht für diese Relikte auch Verantwortlich sind, steht man teilweise der Archäologie des 20. Jahrhunderts, bzw. der Luftfahrtarchäologie, kritisch gegenüber und wird häufig als "archäologisch nicht relevant" abgelehnt. Es sollte jeder hierfür zuständigen Behörde bewußt sein, dass mit den Relikten abgestürzter Flugzeuge ein massiver Handel betrieben wird, bei dem das finanzielle Interesse im Vordergrund steht. Eine Auswertung und Zuordnung der Trümmerteile findet dabei nur zum Zwecke der Wertfeststellung statt und macht es unmöglich diese Absturzorte, und die damit in Verbindung stehenden Schicksale der Besatzungen, zu einem späteren Zeitpunkt aufzuklären.


